Teilzeit und doch am Limit
Warum arbeiten Frauen viel häufiger in Teilzeit als Männer? Und ist Teilzeit eine freie Entscheidung – oder bleibt oft kein anderer Ausweg? Antworten auf diese Fragen geben AK Präsidentin Renate Anderl und WIFO-Direktor Gabriel Felbermayr:
Teilzeit ist weiblich – und das hat Gründe
Teilzeit ist in Österreich längst üblich – und weiblich. Eine WIFO-Auswertung für die AK auf Basis des Mikrozensus zeigt: Jede zweite Frau, aber nur jeder achte Mann arbeitet Teilzeit. Der Hauptgrund ist klar und zieht sich durch alle Branchen: Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen lassen sich nicht mit Vollzeit vereinbaren – und sind fast immer Frauensache. Beim Berufseinstieg ist der Teilzeit-Abstand noch moderat. Spätestens ab 30 schnappt die Teilzeitfalle bei Frauen zu.
Jede zweite Frau, nur jeder achte Mann
Jede zweite Frau arbeitet in Teilzeit – aber nur jeder achte Mann. Bei den unter 30-Jährigen ist der Abstand kleiner (Frauen: 36,2 Prozent, Männer: 18,8 Prozent) – Frauen wie Männer arbeiten oft wegen Ausbildung in Teilzeit.
Ab 30 geht die Schere auf
Ab 30 driften die Lebensrealitäten auseinander: Bei den 30- bis 49-Jährigen arbeitet mehr als jede zweite Frau Teilzeit, aber nur rund jeder zehnte Mann.
Frauen tragen die Care-Last
Hauptgrund bei den Frauen: Betreuungspflichten – fast zwei Drittel nennen sie. Männer hingegen sagen häufiger, sie „möchten nicht Vollzeit arbeiten“ oder nennen „andere persönliche Gründe“ (je 25 Prozent); nur 16,6 Prozent geben Betreuungspflichten als Hauptgrund an.
Kinder verstärken die Ungleichheit
Besonders Kinder beeinflussen Teilzeit sehr stark – aber fast ausschließlich bei Frauen:
- Ohne Kinder ist Teilzeit bei alleinstehenden Frauen deutlich seltener als bei Frauen in Paarhaushalten.
- Mit Kindern unter 15 Jahren wird Teilzeit für Frauen zum absoluten Regelfall (79,5 Prozent), während die der Männer auf knapp acht Prozent sinkt.
- Sobald die Kinder älter sind (über 15 Jahre), sinkt die Teilzeitquote der Frauen, bleibt aber auf hohem Niveau (fast 60 Prozent), während die Teilzeitquote der Männer so gut wie unverändert bleibt (rund acht Prozent).
Stadt vs. Land: Teilzeit als Überlebensstrategie
In Städten ist Teilzeit zwar seltener als auf dem Land – aber oft die einzige Alternative zur Arbeitslosigkeit, besonders für Frauen. Und wer „will keine Vollzeit“ angibt, hat für diesen Wunsch zumeist gewichtige Gründe: Überlastung, Mehrfachjobs, fehlende Kinderbetreuung oder schlechte Arbeitsbedingungen.
AK Präsidentin Renate Anderl: „Schluss mit ungerechter Behandlung! Wir fordern einen Zuschlag ab der ersten Stunde Mehrarbeit, gleiche Zuschläge für Mehrstunden wie für Überstunden und einen Rechtsanspruch auf Aufstockung der Arbeitszeit!“
Teilzeitkräfte stärker integrieren
WIFO-Direktor Gabriel Felbermayr: „Rund 170.000 Teilzeitbeschäftigte in Österreich möchten ihre Arbeitszeit um durchschnittlich zwölf Stunden pro Woche ausweiten – dieses Potenzial gilt es besser zu nutzen. Dafür braucht es vor allem eine flächendeckende, leistbare Kinderbetreuung, den Ausbau von Pflegeangeboten sowie faire Arbeitsbedingungen für Teilzeitkräfte.“
Mehrstunden-Zuschlag auf 50% anheben!
Zwei EuGH-Urteile stellen klar, dass Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigte bei Mehrarbeit gleich zu behandeln sind. Diese Urteile untermauern die AK Forderung nach einem einheitlichen Zuschlag für Mehrarbeit von mindestens 50% für alle Beschäftigten ab der ersten Mehrarbeitsstunde. Bisher sieht das österreichische Recht für Teilzeitkräfte einen Zuschlag von nur 25 % vor.