v. l. n. r: Moderator Thomas Mohr, Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck, Wirtschaftskammer-Präsident Harald Mahrer, AK Präsidentin Renate Anderl, Sozialminister Rudi Anschober, Arbeitsministerin Christine Aschbacher, ÖGB Präsident Wolfgang Katzian © Christian Fischer, AK Wien
Bild teilen v. l. n. r: Moderator Thomas Mohr, Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck, Wirtschaftskammer-Präsident Harald Mahrer, AK Präsidentin Renate Anderl, Sozialminister Rudi Anschober, Arbeitsministerin Christine Aschbacher, ÖGB Präsident Wolfgang Katzian © Christian Fischer, AK Wien

Offensive: Arbeitsmarkt

„Die Arbeitslosenzahl in Österreich ist dramatisch hoch, die höchste in der Zweiten Republik, und die Arbeitsmarktkrise ist noch nicht vorbei“, sagt AK Präsidentin Renate Anderl. „Prioritäres Ziel muss sein, die Zahl wieder auf 300.000, also auf das Niveau vor Ausbruch der Corona-Krise zu senken“, sagt ÖGB Präsident Wolfgang Katzian. 

Spitzengespräch

AK und ÖGB veranstalteten am 15. September ein Spitzengespräch zum Thema Arbeitsmarkt und Kampf gegen Arbeitslosigkeit mit RegierungsvertreterInnen und Sozialpartnern. 


„Wir wollen mit diesem Spitzengespräch das Thema Arbeitslosigkeit und den Kampf dagegen an die Spitze der politischen Agenda bringen“, sagt AK Präsidentin Renate Anderl. „Ich freue mich sehr darüber, dass sich die politisch verantwortlichen MinisterInnen und der Präsident der Wirtschaftskammer für dieses so wichtige Thema die Zeit nehmen.“

„Wir dürfen keine Zeit verlieren, denn im Herbst droht uns noch ein böses Erwachen, wenn die Arbeitslosenzahlen wieder steigen werden. Darauf müssen wir mit konkreten Maßnahmen vorbereitet sein“, sagt ÖGB Präsident Wolfgang Katzian.

Pressekonferenz

Im Anschluss an das Spitzengespräch fand eine Pressekonferenz mit AK Präsidentin Renate Anderl und ÖGB Präsident Wolfgang Katzian statt. 


AK und ÖGB haben sich im Sommer intensiv mit dem Thema Beschäftigung befasst und mit verschiedenen Expertinnen und Experten Lösungsmöglichkeiten zur Bewältigung der Krise am Arbeitsmarkt diskutiert.

AK Präsidentin Renate Anderl zum Thema Arbeitslosigkeit: „Wir wissen alle, dass bei der Arbeitslosigkeit die Corona Ampel mittlerweile auf Dunkelrot steht. Wir müssen alles tun, um die Arbeitslosigkeit zu senken.“


Erste Runde: Jugend ohne Chance?

Die erste Diskussion zum Thema „Jugend ohne Chance?“ fand am Mittwoch, den 12. August statt. 

Derzeit suchen fast 53.000 junge Menschen in Österreich Ausbildungs- oder Arbeitsplätze. „Auch Schülerinnen und Schüler brauchen deutlich mehr Unterstützung zur Bewältigung der durch Corona entstandenen Nachteile“, sagt AK Arbeitsmarktexpertin Silvia Hofbauer. Im Rahmen der „Offensive: Arbeitsmarkt“ wurde in der AK zum Thema „Jugend ohne Chance?“ diskutiert.

Keyfindings

Die Keyfindings aus der Debatte, an der neben Silvia Hofbauer Wifo-Ökonomin Julia Bock-Schappelwein, Britta Schmidjörg (WUK Jugendcoaching Coaching Plus) sowie die Journalistin Melisa Erkurt teilnahmen:

  • Junge Menschen sind unter anderem deshalb so stark von Arbeitslosigkeit betroffen, weil sie oft jene sind, die zuletzt kamen und deshalb als erste gekündigt wurden. Derzeit sind fast 36.000 Menschen zwischen 20- und 24 Jahren als arbeitslos beim AMS gemeldet. Viele von ihnen haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Für sie braucht es die Möglichkeit, Ausbildungen bzw. Ausbildungsabschlüsse nachzuholen oder sich beruflich umzuorientieren in einen zukunftsträchtigeren Beruf.

  • Im Herbst droht eine große Lehrstellenlücke. Ende Juli waren 11.613 Lehrstellensuchende beim AMS gemeldet, das sind jene, die sofort eine Lehrstelle antreten könnten. Dazu kommen noch die Jugendlichen, die derzeit in einer kurzfristigen Schulungsmaßnahme sind oder erst im Herbst eine Lehrstelle antreten können. Dies sind in Summe fast 28.000 Jugendliche unter 19 Jahren. Sofort verfügbare Lehrstellen gab es Ende Juli 6.130. Laut Umfragen wollen weniger Betriebe Ausbildungen anbieten.

  • Es braucht mehr Plätze in der Überbetrieblichen Ausbildung (ÜBA) – für bis zu 7.500 Personen zusätzlich. Die zusätzlichen Ausgaben für dieses Jahr kann das AMS organisieren. Für 2021 gibt es jedoch noch keine Budgetzusage der Bundesregierung. Und es braucht die Einrichtung von Ausbildungsverbünden, eine Bindung der Vergabe von öffentlichen Aufträgen an das Vorliegen von Lehrverhältnissen und mehr Lehrstellen im öffentlichen Bereich.

  • Weil der Lehrstellenmarkt verstopft ist, werden deutlich mehr Schulplätze im Herbst gebraucht werden.

  • Besonders wenig Chancen haben MigrantInnen-Kinder, denen die Eltern wenig Unterstützung in der Schule geben können. Aus diesem Grund braucht es eine andere Form der Schulfinanzierung (Chancenindex) und Ganztagsschulen.

  • Jugendliche brauchen bessere digitale Kompetenzen. Viele kennen sich mit Social Media aus, aber nicht mit Programmen wie Word. Dazu braucht es verbesserte Bedingungen für digitales Lernen, vor allem bessere technologische Ausstattung, die allen Jugendlichen die Teilnahme ermöglicht.

  • Die Gruppe der 15 bis 25-Jährigen ist eine sehr heterogene Gruppe. Da gibt es Jugendliche, die Lehrstellen suchen, die eine Lehre absolvierten, MaturantInnen, Studierende, deshalb gibt es auch nicht nur eine Lösung, sondern es braucht mehrere Wege.

  • Jugendlichen mit Erkrankungen würden Ausbildungsformen mit geringerer zeitlicher Belastung und längerer Lehrzeit helfen, das Angebot dafür ist jedoch zu gering.


Die ganze Diskussion zum Nachsehen


Zweite Runde: Jobs für Langzeitarbeitslose?!

Die zweite Diskussion zum Thema „Jobs für Langzeitarbeitslose?!“ fand am Dienstag, den 18. August 2020 statt.  

142.706 Personen waren in Österreich zuletzt langzeitarbeitslos, das heißt, sie waren mehr als ein Jahr arbeitslos gemeldet. „Auch wenn sich der Arbeitsmarkt nach dem dramatischen Einbruch im März langsam wieder erholt, so haben nicht alle Menschen dieselben Chancen wieder in Beschäftigung zu gelangen“, sagt AK Arbeitsmarktexperte Simon Theurl. 

Keyfindings

Die Keyfindings aus der Debatte, an der neben Simon Theurl, der Ökonom Oliver Picek (Momentum), die ORF-Journalistin Alexandra Siebenhofer und Thomas Rihl von Job TransFair teilnahmen:

  • Nicht jeder, der einen Job derzeit sucht, hat die Chance, einen zu finden: Das Verhältnis zwischen offenen Stellen und Arbeitslosen ist im Moment 1 zu 5. 

  • Selbst in Zeiten sinkender Arbeitslosigkeit sinken die Chancen in Beschäftigung zu gelangen mit steigendem Alter und dauernder Arbeitslosigkeit. Selbst in Zeiten guter konjunktureller Entwicklung, steigt das Risiko Langzeitarbeitslosigkeit zu werden ab dem jungen Alter von 45 Jahren. Gleichzeitig sinken die Chancen wieder in Beschäftigung zu gelangen mit dauernder Arbeitslosigkeit. Eine Studie zeigt, dass bereits nach einer Dauer von 10 Monaten 35% weniger Unternehmen überhaupt noch auf Bewerbungen antworten. 

  • Eine Verfestigung der Arbeitslosigkeit muss verhindert werden, dafür braucht es eine Jobgarantie für Menschen die es am Arbeitsmarkt besonders schwer haben. Die AK hat ein eigenes Modell entwickelt, die Chance45. Für Menschen die es am Arbeitsmarkt besonders schwer haben – etwa ältere Langzeitarbeitslose – sollen 45.000 Jobs geschaffen werden. Menschen in den Gemeinden und Bezirken sollen bei der Wahl der Jobs einbezogen werden.

  • 45.000 neue Jobs würden 315 Millionen Euro kosten, berücksichtigt die Kosten, die ansonsten für Arbeitslosigkeit anfallen sowie die Rückflüsse über Sozialversicherungs-Beiträge und Steuereinnahmen. Derzeit geben wir Geld aus für Menschen, die in der Arbeitslosigkeit gefangen sind und eigentlich gern was tun würden. 

  • Es braucht mehr Personal für das AMS (650 Planstellen mehr), um eine bessere Beratung zu gewährleisten.

  • Die Flaute am Arbeitsmarkt muss für berufliche Umorientierung und Weiterbildung genutzt werden. 

  • Die Chance 20.000 hat gezeigt, wie viel Positives möglich ist, wenn mit staatlicher Unterstützung Arbeitsplätze geschaffen werden. 

  • Eine Jobgarantie kann Arbeitslosigkeit bekämpfen. Gleichzeitig lassen sich öffentliche Dienstleistungen, wie den Nahverkehr, Essenslieferungen, Krankentransporte, Kulturangebote, Pflegearbeit usw ausbauen.


Die ganze Diskussion zum Nachsehen 


Dritte Runde: Mit dem Sozialstaat aus der Krise?!

Die dritte Diskussion zum Thema „Mit dem Sozialstaat aus der Krise?!“ fand am Mittwoch, den 26. August 2020 statt.  

Der Sozialstaat mit seinen automatischen Sicherungssystemen, wie etwa der Arbeitslosenversicherung, bewährt sich auch in Krisenzeiten. Was ist nun notwendig, um den Sozialstaat weiter zu verbessern und zu stärken? Wie können von der Krise besonders betroffene Gruppen, wie Arbeitslose, Frauen und armutsgefährdete Menschen durch den Sozialstaat noch besser unterstützt werden? 

Die wichtigsten Ergebnisse 

„Der Sozialstaat ist unser aller Vermögen, unterstützt vor allem jene, die es gerade am dringendsten brauchen, bietet einen guten Lebensstandard für die breite Bevölkerung und sichert die gesellschaftliche Stabilität, die auch Reiche schätzen“, sagt AK Ökonom Matthias Schnetzer. „Aber er braucht in mehreren Bereichen eine Weiterentwicklung.“ Eine besonders wichtige Aufgabe des Sozialstaates sei es derzeit, neue Arbeitsplätze zu schaffen, um keine Corona-Dauerarbeitslosen zu riskieren.

Keyfindings 

Die Keyfindings aus der Debatte, an der neben Matthias Schnetzer, Christine Mayrhuber (WIFO), Sven Hergovich (Landesgeschäftsführer AMS Niederösterreich) und Martina Madner (Wiener Zeitung) teilnahmen:

  • Der Sozialstaat wirkt nicht nur in Krisenzeiten, sondern erhöht allgemein den Lebensstandard für alle, die nicht das private Vermögen haben, um sich gegen alle möglichen Risiken des Lebens wie Unfall, Krankheit, Arbeitslosigkeit abzusichern und qualitativ hochwertige Bildungs-, Mobilitäts- und Gesundheitsleistungen zu kaufen. Vor allem die automatischen Sicherungssysteme gegen Krankheit oder Arbeitslosigkeit sowie die ausgebaute Gesundheitsversorgung haben in Zeiten von Corona ihre Vorteile bewiesen und Spielraum für weitere situationsbezogene Maßnahmen geschaffen.

  • Mehr öffentliche Investitionen im Bereich Bildung und Kinderbetreuung sind notwendig, um Eltern zu entlasten, neue Stellen und Ausbildungsmöglichkeiten zu schaffen und die Jugendarbeitslosigkeit zu senken. Zudem braucht es mehr finanzielle Unterstützung für Arbeitssuchende, die einen neuen Beruf suchen müssen und eine neue Ausbildung starten.

  • Auch im Bereich Pflege ist das öffentliche Angebot auszubauen. Für den steigenden Pflegebedarf hat die AK ein Modell entwickelt, wonach 20.000 neue HeimhelferInnen binnen weniger Monate ausgebildet werden könnten (und die Kosten sich mittelfristig selbst tragen).

  • Ein besonders wichtiges Instrument war die rasche Einführung des Corona-Kurzarbeitsmodells und die Weiterentwicklung der Kurzarbeit. Für die Verlängerung der Kurzarbeit sind Einschränkungen bei Gewinnausschüttungen und Managerboni in den unterstützten Betrieben, Weiterbildungsmöglichkeiten für ArbeitnehmerInnen sowie Kontrollen gegen missbräuchliche Anwendung von Kurzarbeit nötig.

  • Im internationalen Vergleich ist in Österreich das Arbeitslosenentgelt für die ersten Monate der Arbeitslosigkeit mit 55 Prozent Nettoersatzrate sehr gering – auch im Vergleich zum Einkommensersatz von 80 bis 90 Prozent bei Kurzarbeit. Das hat zur Folge, dass das Risiko von Armutsgefährdung bei Arbeitslosen sehr hoch ist. In einem reichen Land wie Österreich ist jede armutsgefährdete Person eine zu viel.

  • Die Wünsche der Beschäftigten für kürzere Arbeitszeiten, die derzeit hohe Arbeitslosigkeit und das Beschäftigungspotenzial von Arbeitszeitverkürzung erfordern eine Diskussion über die Verteilung von Arbeit. Hier liegen mehrere Vorschläge wie die 4-Tagewoche, eine sechste Urlaubswoche für alle oder längere Auszeiten für Erholung und Weiterbildung auf dem Tisch. Eine kürzere bezahlte Arbeitszeit ist auch die Grundlage für eine gerechtere Verteilung der unbezahlten Arbeit, die derzeit hauptsächlich von Frauen geleistet wird.

  • Die Krise hat Unterschiede zwischen Bereichen, in denen es automatische Sicherungssysteme und starke Interessenvertretung gibt und solchen, in denen es das nicht gibt, deutlich gemacht: Kleine Selbständige und Ein-Personen-Unternehmen erhielten nur mit großem bürokratischem Aufwand und viel Ausdauer zum Teil nicht existenzsichernde Hilfe.

  • Eine solidarische Bewältigung der Krise erfordert auch einen Beitrag von jenen, die es sich leisten können: Die AK schlägt eine Corona-Vermögensabgabe vor - für Vermögen über 10 Millionen Euro.


Die ganze Diskussion zum Nachsehen

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