Gruppe Kinder hört aufmerksam zu beim Vorlesen © Robert Kneschke, stock.adobe.com
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14.12.2021

Pandemie im Kindergarten

Die hohe Belastung des Personals in Kindergärten und Horten ist schon seit Längerem im Fokus von AK und ÖGB. Durch die Corona-Pandemie hat sich die ohnehin angespannte Situation nochmals verschlechtert.  Bei den meisten Maßnahmen und Pressekonferenzen der Bundesregierung wurden die Beschäftigten in der Elementarpädagogik schlichtweg vergessen.

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Die Pressekonferenz „Pandemie im Kindergarten: Massive Belastungen in elementarpädagogischen Einrichtungen“  können Sie hier nachsehen:


„In den langen Wochen und Monaten der Pandemie wurden Kindergärten und andere elementarpädagogische Einrichtungen systematisch übersehen. Außer minimalistischen Hygienehandreichungen gab es weder fundierte Sicherheitskonzepte oder Teststrategien noch Unterstützungsprogramme, um die Gesundheitskrise in den elementarpädagogischen Einrichtungen gut zu begleiten. Die Kolleginnen und Kollegen vor Ort waren wieder einmal auf sich allein gestellt“, kritisiert AK Präsidentin Renate Anderl die Untätigkeit der Bundesregierung in der Elementarpädagogik.

Zusätzlich zur gestiegenen Arbeitsbelastung kam die Sorge um die eigene Gesundheit und die Gesundheit der Kinder. Die Folgen: Immer mehr Kolleg:innen denken ans Aufhören. Das verschärft die ohnehin angespannte Personalsituation enorm – viele Stellen können bereits jetzt nicht mehr nachbesetzt werden.

Großer Druck auf Beschäftigte  

Die vergangenen Pandemie-Monate haben auch das Kindergarten- und Hortpersonal stark belastet und extrem gefordert: Sie mussten nicht nur Kleinkindern die Corona-Maßnahmen verständlich machen und auf deren Einhaltung achten, sondern waren auch der konstanten Gefahr der Ansteckung durch diese Kinder, die noch keine Maske tragen können, ausgesetzt.

Dazu kommt der Umgang mit gestressten Eltern und die häufig veränderten Öffnungs- und Schließungsregelungen. Die zusätzlichen Hygienemaßnahmen sind ein Mehraufwand, der zum ohnehin hohen Takt hinzukommt. Die Beschäftigten in der Elementarpädagogik haben als Systemerhalter:innen mit zusätzlichem Arbeitsaufwand und viel Energie all diese Herausforderungen bisher professionell gemeistert.

Trotz des Impffortschritts ist die Corona-Pandemie aber nicht vorbei, in Kindergärten werden Vorsichtsmaßnahmen den Alltag noch länger begleiten müssen. Denn die meisten Kinder im Kindergartenalter werden wohl noch weiterhin großteils ungeimpft bleiben.

Das sagen Betroffene

Weil Eltern nicht mehr in die Kindergärten dürfen, müssen wir unsere Kinder aus- und anziehen und zur Tür bringen. Wir müssen auch mehr putzen und desinfizieren und auch immer wieder im pädagogischen Betrieb mitarbeiten, weil zu wenige Pädagog:innen da sind. Das macht es sehr anstrengend, v.a. Kolleg:innen über 50 kündigen vermehrt, weil sie nicht mehr können. Unser Alltag wurde mit COVID noch viel anstrengender.“
(eine Assistentin in einem Wiener Kindergarten)

„Die Arbeit bei uns im Haus mit Kindern im Alter zwischen ein und sechs Jahren ist sehr erfüllend und gibt mir extrem viel positive Kraft, Zuversicht und erfreut mich jeden Tag. Es ist einfach eine Berufung in diesem Bereich zu arbeiten, aber bald habe ich keine Energie mehr und fühle mich von Tag zu Tag ausgebrannter“ (aus einer Befragung der GPA-Kärnten)

„Es ist immer noch mein absoluter Traumjob, jedoch nimmt die Regierung kaum Rücksicht auf uns.“ (aus einer Befragung der GPA Kärnten)

„Es ist egal wie es uns geht - es wird keine Rücksicht genommen.“
(aus einer Befragung der GPA-Kärnten) 

Bereits vor der Corona-Pandemie waren die Arbeitsbedingungen für Beschäftigte in Elementarpädagogik-Einrichtungen physisch und psychisch belastend. Es fehlt an erwachsenengerechtem Mobiliar, der Lärmpegel ist andauernd hoch und die psychischen Belastungen durch schlechte Rahmenbedingungen führen zu gesundheitlichen Problemen – etwa Kreuzschmerzen, Migräne oder Muskelverspannungen.

Grafik © AK Oberösterreich
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Die Pandemie hat existente Missstände verstärkt. 90 Prozent berichten von stetig ansteigenden Anforderungen, 79 Prozent von großem Zeitdruck und 66 Prozent von häufigem Stress. 

Grafik © Christiane Spiel
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Besonders belastend während der Zeit der Kindergarten-Schließungen wurden der aus-
bleibende direkte Kontakt und die damit einhergehende Sorge um die Kinder und ihre Familien erlebt.

Kaum Zeit für Bedürfnisse der Kinder 

Eine hohe Qualität in der Kinderbildung und -betreuung war schon vor der Pandemie aufgrund der schlechten Rahmenbedingungen kaum erreichbar. Unter den derzeitigen Vorzeichen ist dies schlicht unmöglich. Kinderbildungseinrichtung sind enorm gefordert und gleichzeitig so wichtig wie nie. Sie begleiten Kinder durch die Gesundheitskrise und stellen Betreuungssicherheit für Familien her. Sie ermöglichen dadurch Eltern, erwerbstätig zu sein und auch zu bleiben. 

Gleichzeit werden Kolleginnen und Kollegen zwischen ihren Ansprüchen für die ihnen anvertrauten Kinder und dem administrativen Aufwand aufgerieben. Bereits vor der Corona-Pandemie war die personelle Situation angespannt – jetzt ist die Lage durch spezielle Vorgaben – etwa Gruppenzusammenlegungen zu vermeiden – noch einmal schwieriger geworden. Oft sind Pädagog:innen oder Betreuer:innen allein mit ihrer Gruppe, Zeit für einzelne Kinder und ihre individuellen Bedürfnisse bleibt dabei kaum. Das ist für alle Beteiligten sehr anstrengend, aber auch frustrierend. Der Anspruch an pädagogische Arbeit ist unter diesen Rahmenbedingungen einfach nicht mehr aufrecht zu halten.

Sorge um die Gesundheit 

Auch die Angst um die eigene Gesundheit ist enorm: So zeigt eine Befragung der GPA Kärnten, dass 61 Prozent der Pädagog:innen Angst um ihre eigene Gesundheit haben und 77 Prozent davor, ihre nächsten Angehörigen anzustecken.

Grafik © GPA Kärnten
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Wenn Schulen zur Pandemiebekämpfung geschlossen werden, hat das massive Auswirkungen und wird breit diskutiert. Gleichzeitig werden Kindergärten und andere elementar-
pädagogische Einrichtungen weder geschlossen noch gibt es ausgeklügelte Sicherheitskonzepte – letztere werden nicht einmal diskutiert.

„Die Sicherheit der Kinder spielt keine Rolle“ (aus einer Befragung der GPA Kärnten) 

Dass es fast zwei Jahre nach Ausbruch der Pandemie kein Testkonzept für die Kindergärten gibt, ist unfassbar. Zwar sind viele Kolleg:innen in den Kindergärten geimpft und werden mehrmals wöchentlich getestet, die Kinder und ihre Eltern jedoch nicht. In den elementaren Bildungseinrichtungen fehlt es an Schutzmaßnahmen. Gerade Kleinkinder brauchen Gestik und Mimik, um ihr Gegenüber zu verstehen – insofern ist das Maskentragen fast unmöglich. 

Die weltweite Pandemie stellt die elementarpädagogischen Einrichtungen in ganz Österreich vor die gleichen Herausforderungen. Deshalb ist es auch nicht an den Betreibern oder den Gemeinden, die Pandemie in den Kindergärten zu regulieren. Hier braucht es eindeutig bundesweit einheitliche Sicherheitsmaßnahmen, die mit Expert:innen aus der Elementarbildung und Infektiolog:innen entwickelt werden.  

„Hätte man auf die jahrelangen Forderungen von AK und ÖGB gehört, gäbe es mittlerweile ein bundeseinheitliches Rahmengesetz für „normale“ Zeiten – und es wäre klar, wie man in Krisenzeiten einheitlich und gemeinsam handeln kann“, fordert ÖGB Vizepräsidentin und Bundesfrauenvorsitzende Korinna Schumann die Bundesregierung zum Handeln auf: „Wie es für Schulen schon passiert ist, muss die Bundesregierung auch für Kindergärten eine österreichweite Teststrategie umzusetzen – und zwar jetzt und nicht erst in ein paar Monaten!“ 

Beschäftige haben in den vergangenen Monaten gigantische Leistungen vollbracht. Sie versuchen zu verhindern, dass Kinder den Anschluss verlieren. Zudem stellt der Kindergarten einen wichtigen sozialen Faktor dar. Investitionen in diesem Bereich sind dringend notwendig – in faire Arbeitsbedingungen, mehr Jobs, aber auch in die Bezahlung der Kolleg:innen. 

Das Personal hat schon mehrfach auf die jetzt besonders prekäre Situation aufmerksam gemacht, auch mit öffentlichen Demonstrationen. Anderl und Schumann sind sich einig: „Wir werden die Beschäftigten in der Elementarpädagogik dabei unterstützen – sie haben unsere vollste Solidarität! Wir werden nicht lockerlassen, so lange auf die Missstände hinzuweisen, bis sie endlich beseitigt sind, Kindergärten für unsere Kleinsten sichere Orte sind und die Beschäftigten ordentliche Arbeitsbedingungen vorfinden!“ 

Unsere Forderungen 

Kurzfristig mehr Sicherheit für Kindergärten

  • Sicherheitskonzepte für Kindergärten
    In den elementaren Bildungseinrichtungen fehlt es an Schutzmaßnahmen. Bereits vor Monaten haben AK & ÖGB darauf hingewiesen. Die Sicherheit unserer Kinder muss an vorderster Stelle stehen. Der Bund ist aufgefordert, hier endlich ein Konzept vorzulegen!

  • Teststrategie nach dem Vorbild von Schulen
    Nach Vorbild des Ninja-Passes an Schulen - gute Erfahrungen gibt es mit den sogenannten „Lollipop-Tests“, bei denen eine spielerische Testung einfach und unkompliziert durchgeführt werden kann.
     
  • Adhoc Unterstützungspersonal
    Zusätzliche Assistent:innen zur Abfederung der Mehrbelastungen durch Corona. Die Kosten dafür sollen vom Bund übernommen werden.

Mittelfristig besser Rahmenbedingungen

  • 1 Milliarde Euro mehr pro Jahr für Elementarbildung
    Trotz Verbesserungen in den vergangenen Jahren investiert Österreich bei der Elementarbildung viel zu wenig. Das macht der internationale Vergleich deutlich. Mit Ausgaben von 0,70 % des BIP liegt die Alpenrepublik weit unter dem OECD-Durchschnitt von 1 %. Auch im aktuellen Budget wird diese Forderung wieder nicht berücksichtigt. Gute Kinderbetreuung und -bildung kostet, nämlich eine Milliarde Euro mehr pro Jahr. Mittelfristig kommt zudem mehr Geld zurück, als investiert wird: Erstens werden in der Elementarbildung selbst Arbeitsplätze geschaffen und zweitens ermöglicht die bessere Betreuung den Eltern, Kind und Beruf zu vereinbaren.  
     
  • Flächendeckender Ausbau von Kinderbildungseinrichtungen mit dem Ziel des Rechtsanspruchs auf einen Kinderbildungsplatz ab dem 1. Geburtstag ab 2025

  •  Eine sofortige Ausbildungsinitiative, um Personallücken ehestmöglich zu schließen
    Qualität von Kindergartenplätzen wird nicht ohne genügend qualifiziertes Personal funktionieren. Zusätzlich treten auch in Kindergärten in den nächsten Jahren viele Kolleg:innen ihren wohlverdienten Ruhestand an. Um bis 2025 einen Rechtsanspruch ab dem 1. Geburtstag in ganz Österreich umsetzen zu können, müssen schrittweise bis zum Jahr 2023 mindestens 3.000 und bis zum Jahr 2025 mindestens 4.600 neue Pädagoginnen und Pädagogen eingestellt werden.
     
  • Einheitliches Bundesrahmengesetz für Elementarpädagogik
    Die Corona-Krise hat einmal mehr gezeigt, wie problematisch die uneinheitlichen Regelungen in der Elementarbildung und Kinderbetreuung sind. Es braucht eine klare Zuständigkeit auf Bundesebene und die Festlegung einheitlicher, hoher Mindeststandards für die pädagogische Qualität in Form eines Bundesrahmengesetzes.
     
  • Supervision für Kolleg:innen in der Elementarpädagogik
    Das Supervisionsangebot muss dem Standard für Beschäftigte, die professionell mit Menschen arbeiten, entsprechen und daher stärker ausgebaut werden. Eine zeitnahe, regelmäßige Supervision ist wichtig, um emotionale Belastungen bewältigen zu können.
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