4.6.2020

Nachhilfe: Bedarf bleibt extrem hoch

Fast ein Drittel der Schulkinder braucht Nachhilfe – und die Corona-Krise reißt die Lernschere zwischen Kindern auf, denen die Eltern gut und denen die Eltern nur schwer beim Lernen helfen können: Das zeigt das AK Nachhilfebarometer 2020, für das über 3.500 Eltern mit rund 5.400 Schulkindern befragt wurden. 

Das „Homeschooling“ in der Corona-Krise überfordert mehr als ein Viertel der Eltern, der Lerndruck auf die Familien ist gestiegen.

Die Arbeiterkammer fordert, dass die Bundesregierung die Schulöffnung jetzt zur Erneuerung nützt – mit flächendeckenden hochwertigen und beitragsfreien Ganztagsschulen und einer gerechten Schulfinanzierung nach dem AK-Chancenindex.

„Der kostenlose Schulbesuch ist eine gesellschaftliche Errungenschaft.
Ein guter Abschluss ist aber immer öfter nur durch teuren, privaten Zusatzunterricht möglich“, kritisiert AK Präsidentin Renate Anderl. „Jedes Kind braucht eine faire Chance, seinen Platz in unserer Gesellschaft zu finden – unabhängig vom Geld oder vom Zeitbudget der Eltern.“

Pressekonferenz


Familien unter Druck – Corona-Krise verschärft die Situation

Die Fakten belegen den Bedarf der Kinder:

  • 317.000 Kinder brauchen heuer private Nachhilfe – ihr Anteil ist fast so hoch wie im Vorjahr (32 nach 33 Prozent).

  • Weiterhin ungerecht: Von den 317.000 Kindern, die private Nachhilfe brauchen, bekommen 40.000 keine, vor allem, weil die Eltern nicht dafür zahlen können.

  • Bereits vor der Krise haben die Kinder ihre Eltern als unfreiwillige NachhilfelehrerInnen gebraucht: Mit drei Vierteln der Kinder (genau 75 Prozent) mussten deren Mütter oder Väter schon vor der Corona-Krise zu Hause lernen, weil das Lernen und Üben in der Schule zu kurz kommt. Aktuell dürften noch mehr Eltern unfreiwillige NachhilfelehrerInnen sein, und mehr als ein Viertel (28 Prozent) sagt: Sie sind durch die Online-Aufgaben der Schule überfordert.
Die Befragung der Eltern zeigt: Nur hochwertige Ganztagsschulen in verschränkter Form mit Unterricht, Übungseinheiten und Freizeit über den ganzen Tag verteilt, bringen den Familien Entlastung. Auch regelmäßiger Förderunterricht in der Schule hilft ihnen.
 
AK Präsidentin Renate Anderl fordert: „Wir müssen die Öffnung der Schulen nach der Corona-Krise für eine Neuorganisation nutzen. Wir brauchen eine Schule, in der die Kinder genug Zeit und Unterstützung bekommen, damit sie das Gelernte durch individuelles Üben festigen können.“ Die AK Präsidentin fordert flächendeckend und beitragsfrei echte, verschränkte Ganztagsschulen plus Ausbau des regelmäßigen Förderunterrichts in den Schulen. Überdies muss eine neue Schulfinanzierung nach Chancenindex kommen.

Bedarf nach Nachhilfe bleibt faktisch gleich

Heuer bekamen rund 277.000 Kinder (28 Prozent) private Nachhilfe – genauso viele wie im Vorjahr. Zusätzlich hätten noch 40.000 Kinder (4 Prozent) private Nachhilfe gebraucht, haben sie aber nicht bekommen. Das ergibt die Ifes-Befragung. Dabei ersetzt die private Nachhilfe nicht, dass Eltern nach der Schule mit den Kindern lernen. Bei jenen Kindern, die Nachhilfe bekommen, ist der Zeitaufwand der Eltern fürs Lernen genauso hoch wie bei Eltern, die nicht für private Nachhilfe zahlen. Wie viele in welchem Schultyp Nachhilfe brauchen und wie viel die Eltern im Schnitt zahlen müssen:

Im Durchschnitt gab eine Familie, die für Nachhilfe zahlt, im heurigen Schuljahr und den Sommerferien davor dafür rund 520 Euro aus. Hochgerechnet bis zum Schulschluss, betragen die Gesamtausgaben der Eltern für Nachhilfe 86 Millionen Euro österreichweit. Das ist der wahrscheinlichste Wert innerhalb der statistischen Schwankungsbreite zwischen 83 und 89 Millionen Euro. 

Corona-bedingt war die Nachhilfe ab Mitte März kaum mehr möglich, daher sind zwar die Ausgaben der Familien, nicht aber der Bedarf und der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die Nachhilfe brauchen, zurückgegangen. 

Der Bedarf an Nachhilfe in Mathematik ist gleich bleibend hoch – 64 Prozent aller SchülerInnen, die Nachhilfe bekommen, brauchen in diesem Fach Unterstützung. 30 Prozent bekommen Nachhilfe in Deutsch, ebenso viele in einer Fremdsprache. 

Das Nachhilfebarometer 2020 zeigt: Der Trend der Vorjahre geht weiter: Mit Nachhilfe soll oft nicht „Sitzenbleiben“ verhindert, sondern eine oder mehrere Noten verbessert werden, um die Chancen auf den Aufstieg in eine ausgesuchte weiterführende Schule zu steigern. Bildungschancen hängen daher stark vom Geldbörsel der Eltern ab. Der kostenlose Schulbesuch ist eine gesellschaftliche Errungenschaft – ein guter Abschluss ist aber immer öfter nur durch teuren, privaten Zusatzunterricht möglich, kritisiert die Arbeiterkammer. Jedes Kind braucht eine faire Chance, seinen Platz in unserer Gesellschaft finden – unabhängig vom Geld oder vom Zeitbudget der Eltern.

Nachhilfe belastet das Familienbudget

Besonders ungerecht ist, dass sich viele Familien teuren Privatunterricht nicht leisten können. Schlechtere Chancen haben Kinder von WenigverdienerInnen. 

Grafik © Tea Mina Jaramaz
© Tea Mina Jaramaz

  • Nicht alle Kinder, die Nachhilfe brauchen, bekommen sie: Von den 317.000 Kindern, für die sich heuer die Eltern um Nachhilfe bemühten, bekommen 168.000 bezahlte Nachhilfe. 79.000 bekamen private, unbezahlte Nachhilfe. Eine schulische Gratisnachhilfe bekamen ca. 50.000 Kinder – 10.000 mehr als im Vorjahr; 40.000 Kinder bekommen trotz Bedarfs keine Nachhilfe. 

  • Allein Erziehende und ihre Kinder trifft das in besonderem Ausmaß. Häufig müssen allein Erziehende mit nur einem Einkommen die hohen Ausgaben, die Belastung des Lernens und Übens für die Schule der Kinder nach der Arbeit und den emotionalen Druck zu Hause allein bewältigen. Diese Mehrfachbelastung der Allein ErzieherInnen ist unzumutbar. 21 Prozent der allein Erziehenden, die im Regelfall ein unterdurchschnittliches Haushaltseinkommen haben, haben für ihr Kind bezahlte Nachhilfe gehabt, bei den anderen Haushalten waren es 17 Prozent. Von den allein Erziehenden mit einem Nachhilfekind haben sich sechs von zehn Betroffenen mit der Finanzierung der Nachhilfe sehr schwer getan.

Drei Viertel der Kinder brauchen die Eltern zum Lernen

Drei Viertel der Schulkinder brauchten bereits vor der Schulschließung wegen Corona die Hilfe ihrer Eltern beim Lernen. Bei ihnen kontrollieren die Mütter oder Väter nach der Arbeit die Hausübungen, sie lernen mit ihnen für Prüfungen und Schularbeiten. Am häufigsten lernen Eltern nach wie vor mit Volksschulkindern, aber auch noch in der Oberstufe.

Grafik © Tea Mina Jaramaz
© Tea Mina Jaramaz

Lernstress daheim – verschärft durch die Corona-Schulschließung

Die Arbeiterkammer hat erneut erheben lassen, wie stark sich die Familien durch das Lernen am Nachmittag belastet fühlen. Die Mehrheit hat bereits für normal Probleme beim Lernen mit den Kindern. Hier die wichtigsten Fakten aus der Zeit vor Corona: 

  • Zeitdruck: 37 Prozent der befragten Eltern gaben an, durch die Hilfe beim Lernen zeitlich sehr oder ziemlich belastet zu sein. Weitere 37 Prozent fühlen sich etwas belastet. In Summe sind davon drei von vier Eltern spürbar betroffen – fast so viele wie in den Vorjahren (40 Prozent).

  • Eltern leiden unter Stress, Ärger und Konflikten in der Familie, wenn sie hinter der Schule „nacharbeiten“ müssen. 

Diese familiäre Belastung ist während der Corona-Lernphase noch deutlicher geworden: Nach anfänglicher Lust am gemeinsamen Lernen haben viele Eltern nach einigen Wochen stark unter der Stresssituation Schule zu Hause gelitten. Erneut wurde klar: Lernen gehört in die Schule! Und wer mit den Kindern nicht lernen kann, muss den eigenen Kindern schulischen Fortschritt und Lernen verweigern. Hier Fakten aus der Corona-Zeit, abgefragt bei einem Teil der Befragten für die Nachhilfe-Umfrage: 

  • Für genau die Hälfte der Befragten (50 Prozent) hat sich während der Schulschließung der Druck beim Lernen mit ihren Kindern daheim erhöht – für 34 Prozent in allen Fächern plus für 16 Prozent in einzelnen Fächern. Mehr als ein Viertel (28 Prozent) sagt dazu, ihr Kind ist mit den Online-Aufgaben überfordert. Hilfe brauchen besonders jene Eltern, die selbst wenig Bildung genossen haben. 

  • Die zeitliche Belastung durch das Lernen in der Corona-Krise ist für fast die Hälfe (49 Prozent) der Eltern ein Problem, ein Drittel (32 Prozent) berichtet deshalb sogar von Konflikten daheim. Für die einen sind Homeoffice, Familienleben und LehrerIn-Rolle übernehmen langfristig nicht vereinbar, anderen fehlen pädagogische Kenntnisse, manche sind grundlegend mit den Lernaufgaben überfordert.

Entlastung durch echte Ganztagsschule und Förderunterricht

Der Anteil der Schulkinder in Nachmittagsbetreuung steigt – vor allem in den Volksschulen. Dabei zeichnet sich eine positive Entwicklung ab: SchülerInnen von Ganztagsschulen haben weniger Bedarf an externer Nachhilfe. Nur 8 Prozent der GanztagsschülerInnen brauchen bezahlte Nachhilfe während des Schuljahres. Im Gesamtschnitt sind es 13 Prozent. 

Grafik © Tea Mina Jaramaz
© Tea Mina Jaramaz

  • Eltern, die das System der echten, verschränkten Ganztagsschule kennengelernt haben und zumindest ein Kind in dieser Schulform haben, sind von dem System besonders überzeugt. So fordern 61 Prozent der Wiener Ganztagsschuleltern den Ausbau dieser Schulform. 

  • Schulischer Förderunterricht wirkt entlastend, wenn die Qualität stimmt. Mit regelmäßigem hochwertigen Förderunterricht brauchen 11 Prozent aller Kinder bezahlte Nachhilfe während des Schuljahres. Bei nur mittelmäßigem oder unzureichendem Förderunterricht (gemäß Elternbefragung) sind es 23 Prozent. Regelmäßigen Förderunterricht können 40 Prozent der Volksschulkinder nützen, 35 Prozent der SchülerInnen an Neuen Mittelschulen und 25 Prozent der SchülerInnen in der Unterstufe der Gymnasien.

Erneuerung nach Corona: Schule als wichtigster Lernort

Corona-bedingt waren die Schulen neun Wochen geschlossen, und Lernen fand ausschließlich in den Familien statt. Die Arbeiterkammer tritt dafür ein, dass die Schulöffnung für eine Erneuerung genützt wird. Denn die Corona-Krise zeigt die grundlegenden Probleme der österreichischen Schule mit übergroßer Deutlichkeit: Wenn Eltern selbst LehrerInnen sein müssen, geht die Lernschere zwischen den Kindern weiter auf. 

Die Arbeiterkammer will, dass jedes Kind von der Schule unterstützt wird und seine Talente entfalten kann. AK Präsidentin Renate Anderl: „Wir können uns die Schule von gestern nicht mehr leisten: Kinder werden nach ihren Schwächen beurteilt, verzweifeln manchmal an ihren Noten; Lehrerinnen und Lehrer haben kaum Raum, um auf individuelle Bedürfnisse einzugehen. Eltern müssen teuren Privatunterricht in Form von Nachhilfe zukaufen oder selbst die Rolle der Zusatz-Lehrkraft übernehmen. Oder die Kinder bleiben allein gelassen zurück, und die Lernschere geht auf. So eine Schule ist ungerecht und nicht zukunftsfit. Die erneuerten Schulen sollen es den Kindern erlauben, daheim nur Kind zu sein und sich nicht zwischen Hausübung, Nachhilfe und Freizeit aufreiben zu müssen. Die Arbeiterkammer fordert:

Mehr Bildungsgerechtigkeit nach Corona, konkret: 

  • Die Lernschere schließen: Nach der Corona-bedingten Schulschließung ist im Herbst eine intensive Unterstützung nötig, um Kinder unter Lernaufhol-Druck individuell zu unterstützen. Die Arbeiterkammer verlangt ein Nachhol-Paket, um die Schulen für den Herbst entsprechend einzurichten. 

  • Bereits im Sommer sind zusätzliche Förder-Angebote der Schulen nötig – für SchülerInnen, die das freiwillig nutzen möchten. Dafür sollen die Schulen ab Ferienanfang noch zwei Wochen offen haben – und dann wieder zwei Wochen vor Schulanfang im September. Sie sollen für die Familien Unterstützung durch Lerncoaches anbieten. Für die Familien muss das kostenlos sein. 

  • Schule als Lernort ernst nehmen: Die Schule muss Lernen und Üben verbinden – und nicht den Schulerfolg von teurem Privatunterricht durch Nachhilfestunden abhängig machen. Schulen müssen so ausgestattet und organisiert werden, damit das möglich ist. Eltern sollen nicht länger unfreiwillige unausgebildete LehrerInnen zu Hause sein. 

  • Eine neue Schulfinanzierung nach dem AK-Chancenindex – rasch gestartet mit 500 Schulen: Jedes Kind soll gut gefördert werden und Lernerfolg haben können, unabhängig davon, wie viel Geld die Eltern haben. Bei einer Bildungsfinanzierung nach Chancenindex bekommen Schulen umso mehr Mittel, je mehr SchülerInnen sie haben, denen die Eltern selbst nicht beim Lernen helfen können. Diese Schulen waren von Corona besonders betroffen. Die Bundesregierung muss ihr geplantes Pilotprogramm zum Chancenindex rasch umsetzen und ausweiten. Nach Corona muss jenen besonders geholfen werden, die besonders weit zurückgefallen sind. Die Arbeiterkammer fordert die Ausweitung des Pilotprogramms auf 500 Schulen. Derzeit ist das nur für 100 Schulen geplant. 

  • Lernräume für alle eröffnen, beitragsfreie hochwertige Ganztagsschulen flächendeckend anbieten: Das AK Nachhilfebarometer zeigt eindeutig, dass die echte Ganztagsschule die Eltern vom Lernen mit den Kindern und von teurer privater Nachhilfe entlastet. Notwendig sind Schulen, in denen LehrerInnen mehr Raum zum Üben mit ihren SchülerInnen bekommen; in denen Lernen, Üben und Freizeit gut miteinander verbunden werden können. 

  • In den Ganztagsschulen muss der volle Ganztagsbetrieb ab September wieder aufgenommen werden. Derzeit sind alle Schulen nur als Halbtagsschule in Betrieb. 

  • Für den Ausbau der Ganztagsschulen muss der Bund mindestens wieder genauso viel ausgeben, wie ursprünglich geplant – also 750 Millionen Euro bis 2025. Zudem sollte über einen neuen „aufgabenorientierten“ Finanzausgleich zwischen Bund, Ländern und Gemeinden der laufende Betrieb von Ganztagsschulen finanziert werden, nicht nur die erstmalige Einrichtung.

Daten zur Untersuchung: Ifes-Befragung unter österreichweit 3.563 Haushalten mit 5.390 Schulkindern. Befragungszeitraum Ende Februar bis Mitte April 2020.

Hinweis

Schulkostenstudie der Arbeiterkammer. Die Arbeiterkammer führt gemeinsam mit dem Forschungsinstitut SORA eine große Schulkostenstudie durch. Die Schulkostenstudie soll zeigen, wie hoch die Ausgaben von Eltern für ihre Schulkinder insgesamt sind – von der Nachhilfe über Schulmaterial und Ausflüge bis hin zur Ausstattung mit mobiler Elektronik. Mehrere tausend Eltern in ganz Österreich schreiben ein Jahr lang die anfallenden Kosten auf. Anmeldung und Mitmachen unter www.schulkosten.at

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