23.5.2019

Nachhilfe: Bedarf wieder gestiegen

Über 100 Millionen Euro für bezahlte Nachhilfe – und bereits ein Drittel der Kinder braucht Nachhilfe: Das zeigt das AK Nachhilfebarometer 2019, für das knapp 3.100 Eltern mit gut 4.650 Schulkindern befragt wurden.

Familien unter Druck 

Die Bundesregierung hat den Notendruck auf die SchülerInnen erhöht, die Familien versuchen, das mit Nachhilfe auszugleichen. Die Arbeiterkammer fordert, dass die Bundesregierung beim Ausbau der Ganztagsschule von der Bremse steigt und dass es hochwertigen Förderunterricht gibt. Außerdem muss im regulären Schulunterricht endlich auf persönliche Förderung der Kinder umgestellt werden. Die Fakten belegen den Bedarf der Kinder:

  • 327.000 Kinder brauchen heuer private Nachhilfe (2018: 264.000) – ihr Anteil ist auf 33 Prozent gestiegen. Das ist ein Allzeit-Hoch, seit die Arbeiterkammer vor zehn Jahren das erste Mal den Nachhilfebedarf erheben hat lassen. Damals, im Jahr 2010, brauchten 255.000 oder 26 Prozent der Schulkinder private Nachhilfe.

  • Weiterhin ungerecht: Von den 327.000 Kindern, die private Nachhilfe brauchen, bekommen 40.000 keine, vor allem, weil die Eltern nicht dafür zahlen können. Diese Zahl ist seit 2010 immerhin gesunken (damals: 60.000). Grund dafür dürfte sein, dass es mittlerweile schulische Gratis-Nachhilfeangebote gibt, insbesondere in Wien.

  • Gleichzeitig brauchen die Kinder ihre Eltern als unfreiwillige NachhilfelehrerInnen: Mit drei Vierteln der Kinder (73 Prozent) müssen deren Mütter oder Väter zu Hause lernen, weil das Lernen und Üben in der Schule zu kurz kommt (2010: 65 Prozent).

Entlastung für die Familien bringen nur hochwertige Ganztagsschulen, besonders in verschränkter Form mit Unterricht, Üben und Freizeit über den ganzen Tag, zeigt die Befragung der Eltern. Ebenso hilft ihnen regelmäßiger Förderunterricht in der Schule.

AK Präsidentin Renate Anderl fordert „mehr Verantwortung der Schule für den Lernerfolg der Kinder. Das sagen wir seit zehn Jahren, aktuell ist das aber nötiger denn je.“ Die wieder eingeführte Pflicht zur Vergabe von Ziffernnoten in der Volksschule, wieder die Möglichkeit von Leistungsgruppen in der Neuen Mittelschule und die Kürzung der jährlichen Mittel für den Ausbau der Ganztagsschulen: „All das“, so Anderl, „setzt die Familien unter Druck und bringt Aussicht auf weniger Förderung.“

Die AK Präsidentin fordert eine Umstellung des regulären Schulunterrichts auf persönliche Förderung der SchülerInnen, mehr echte, verschränkte Ganztagsschulen plus Ausbau des regelmäßigen Förderunterrichts in den Schulen. Überdies soll eine neue Schulfinanzierung nach Chancenindex kommen.

Problem Halbtagsschule – wieder verschärft

Im österreichischen Bildungssystem gibt es zwei entscheidende Probleme: Prinzip ist die Halbtagsschule. Nach dem Unterricht am Vormittag sollen sich die Eltern zu Hause um den Lernfortschritt der Kinder kümmern, in erster Linie die Mütter – egal, ob inzwischen immer mehr Frauen berufstätig sind oder nicht. Dazu kommt die frühe Trennung der Kinder auf Neue Mittelschule (früher: Hauptschule) oder Gymnasium. Allein das hat bereits vor zehn Jahren, als die Arbeiterkammer die Nachhilfe-Belastung der Familien zum ersten Mal erheben ließ, dazu geführt, dass 255.000 (26 Prozent) der Schulkinder private Nachhilfe brauchten und dass Mütter oder Väter zu Hause mit zwei Dritteln der Kinder (65 Prozent) lernen mussten.

Tabelle © Ifes-Befragung
© Ifes-Befragung

Im Schuljahr 2009/2010 ging es genauso wie heute um den Kampf um Aufstiegschancen für die Kinder – dass sie nach der Volksschule ins Gymnasium kommen, dass sie nach der vierten Klasse Hauptschule in eine weiterführende Schule kommen und dass sie es in den weiterführenden Schulen den Weg zur Matura schaffen. Zwischenzeitlich sollten einige Reformen den Weg erleichtern – die Volksschulen konnten bis zur dritten Klasse auf Ziffernnoten verzichten, die Hauptschulen wurden in Neue Mittelschulen umgewandelt, in denen die Kinder nicht mehr in voneinander getrennten Leistungsgruppen unterrichtet werden.

Seit Anfang des heurigen Schuljahres ist das wieder anders. Die Bundesregierung führte wieder Ziffernnoten in der Volksschule ein, demnächst soll ein Test in der dritten Klasse Volksschule „Orientierung“ für die Entscheidung zwischen Gymnasium und Neuer Mittelschule bieten und in den Neuen Mittelschulen können wieder Leistungsgruppen eingerichtet werden. Das setzt die Familien wieder zunehmend unter Druck.

Jedenfalls ist der Anteil der Kinder, die Nachhilfe brauchen, im Vergleich zum Vorjahr stark gestiegen – nach einem bereits starken Anstieg von 2017 auf 2018. In der Volksschule hat sich der Anteil der Kinder, die Nachhilfe brauchen, von 2017 auf 2018 mehr als verdoppelt – und auf diesem hohen Wert steht der Nachhilfebedarf in der Volksschule auch heuer. Insgesamt brauchen heuer 327.000 Kinder (33 Prozent) private Nachhilfe; wobei 168.000 (17 Prozent) bezahlte, 79.000 (9 Prozent) ausschließlich unbezahlte Nachhilfe und 40.000 (4 Prozent) schulische Gratis-Nachhilfe bekommen. 40.000 (4 Prozent) bekommen trotz Bedarf keine Nachhilfe – vor allem, weil die Eltern dafür nicht zahlen können.

Tabelle © Ifes-Befragung
© Ifes-Befragung

Hochgerechnet bis zum Schulschluss, betragen die Gesamtausgaben der Eltern für Nachhilfe mindestens 101 Millionen Euro. Es könnte auch mehr sein, weil sich vor Schulschluss (nach Abschluss der Befragung) zusätzlicher Bedarf an Nachhilfe ergeben haben kann.

Erfolg mit Nachhilfe – Förderung wirkt

Bei der Nachhilfe geht es heutzutage in einem Großteil der Fälle weniger um den Kampf gegen das Sitzenbleiben oder den Abstieg in eine andere Schulform. Meistens geht es darum, dass die Kinder in die aus Sicht der Familien beste Schule aufsteigen können. Das zeigen die Antworten auf die Fragen, auf welcher Note die Kinder mit Nachhilfe stehen und wie die Nachhilfe bei ihnen wirkt. 

  • Die meisten Nachhilfe-SchülerInnen stehen auf einer positiven Note: Die Eltern organisieren private Nachhilfe nur in rund einem Viertel bis zu einem Drittel der Fälle, um ein Nicht genügend auszubessern. In Deutsch geht es hauptsächlich darum, ob ein Kind ein Sehr gut bekommt oder nicht, um den Aufstieg in die Wunsch-Schule zu ermöglichen. 

  • Nachhilfe wirkt: Der Großteil der SchülerInnen tut sich in den Fächern, in denen sie früher einmal Nachhilfe bekommen haben, jetzt zumindest etwas leichter. 

  • Nachhilfe ist oft auf Dauer nötig: Je nach Fach haben zwischen sieben und neun Nachhilfe-SchülerInnen schon früher Nachhilfe gehabt. Das zeigt, dass Nachhilfe nicht grundsätzlich ausgleicht, was im Bildungswesen versäumt wird. Im Schulunterricht geht es hauptsächlich um Lernen für Tests und Schularbeiten – also geht es darum auch in der Nachhilfe. 

Insgesamt zeigen die Daten über Zweck und Effekt der Nachhilfe: Werden Kinder persönlich gefördert, schaffen sie ihre Lernziele. Dazu AK Präsidentin Renate Anderl: „Maßgeschneiderte Förderung für jedes einzelne Kind funktioniert also. Was oft fehlt, ist freilich ein entsprechendes Angebot in der Schule. Hier brauchen wir auf jeden Fall ein besseres Angebot, um die Eltern zu entlasten, vor allem die berufstätigen Frauen mit Schulkindern.“ 

Nicht zuletzt geht es auch darum, dass viel zu viele Eltern mit ihren Kindern zu Hause lernen müssen. Denn private Nachhilfe ersetzt nicht, dass Eltern nach der Schule mit den Kindern lernen. Bei jenen Kindern, die Nachhilfe bekommen, ist der Zeitaufwand der Eltern fürs Lernen genauso hoch wie bei Eltern, die nicht für private Nachhilfe zahlen.

Drei Viertel brauchen die Eltern zum Lernen

Bei drei Vierteln der Kinder (73 Prozent) müssen die nach der Arbeit die Hausübungen kontrollieren und mit ihnen vor Prüfungen und Schularbeiten lernen – wobei das in den meisten Fällen die Mütter tun. Am häufigsten lernen sie nach wie vor mit Volksschulkindern, aber auch noch in der Oberstufe. Die Eltern und ihre Kinder kostet das Lernen viel Freizeit.

Tabelle © Ifes-Befragung
© Ifes-Befragung

Positiv: Echte Ganztagsschule und regelmäßiger Förderunterricht entlasten

Ein Lichtblick ist die echte, verschränkten Ganztagsschule, in der Unterricht, Üben, Sport und Freizeit über den ganzen Tag verteilt sind. Hier müssen die Eltern seltener für private Nachhilfe zahlen als in der Halbtagsschule oder in Schulen mit anderer Nachmittagsbetreuung. 

  • Von den SchülerInnen, die eine Ganztagsschule besuchen, bekommen insgesamt 9 Prozent bezahlte Nachhilfe. Das liegt unter dem Gesamtschnitt für bezahlte Nachhilfe (13 Prozent). 

  • Positiv wirkt auch guter Förderunterricht: In Schulen, deren Förderunterricht sehr gut benotet wird, bekommen ebenfalls nur 9 Prozent der SchülerInnen bezahlte Nachhilfe.

Schluss mit dem Lerndruck auf die Familien

„Entweder für Nachhilfe zahlen oder den Schulerfolg der Kinder riskieren – das kann nicht die Alternative sein. Lernen und Üben soll in der Schule stattfinden“, sagt AK Präsidentin Renate Anderl. „Vor allem geht nicht, dass die Bundesregierung Leistung von den Schülerinnen und Schülern verlangt, aber nicht mehr für Förderung tut.“ Im Gegenteil: Die Bundesregierung hat jetzt die jährlichen Mittel für den Ausbau der Ganztagsschulen halbiert. Anderl: „Hier muss sie schleunigst von der Bremse steigen und pro Jahr mindestens so viel Geld ausgeben wie ursprünglich geplant.“ 

Damit die Schule Verantwortung für den Lernerfolg der Kinder übernehmen kann, will die Arbeiterkammer eine Umstellung des regulären Schulunterrichts auf persönliche Förderung der SchülerInnen, hochwertige Ganztagsschulen und viel mehr regelmäßigen Förderunterricht – und dazu eine neue Schulfinanzierung nach einem Chancenindex, also mehr Mittel für Schulen mit vielen Kindern, die nicht von den Eltern beim Lernen unterstützt werden können.

Die Forderungen der Arbeiterkammer

  • Ausbau der Ganztagsschulen beschleunigen – nicht verlangsamen. 

  • Mehr echte, verschränkte Ganztagsschulen: Das AK Nachhilfebarometer zeigt eindeutig, dass nur die echte Ganztagsschule die Eltern vom Lernen mit den Kindern und von teurer Nachhilfe entlastet. Und: Der Besuch einer Ganztagsschule muss im Unterschied zu derzeit beitragsfrei sein. 

  • In einem ersten Schritt Ausbau des regelmäßigen Förderunterrichts: Für den Förderunterricht muss ein zweckgebundener Fördertopf eingerichtet werden. So wie in den Volksschulen muss der regelmäßige Förderunterricht auch ab der Mittelstufe gleich ab Beginn des Schuljahrs leicht und unbürokratisch zugänglich sein. 

  • Neue Schulfinanzierung nach einem Chancenindex: Pro Schülerin, pro Schüler, deren Eltern selber keinen Hochschulabschluss haben, soll die jeweilige Schule mehr Geld bekommen – damit sie die Kinder besser fördert.

Daten zur Untersuchung: Ifes-Befragung unter österreichweit 3.064 Haushalten mit 4.651 Schulkindern. Befragungszeitraum Anfang März bis Ende April 2019. Zahlen für 2018 aus einer Ifes-Befragung unter österreichweit 3.261 Haushalten mit Schulkindern im Zeitraum Anfang März bis Ende April 2018. Zahlen für 2010 aus einer Ifes-Befragung unter österreichweit 2.760 Haushalten mit Schulkindern im Zeitraum April, Mai 2010.